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Der blinde Herrgott PDF Drucken E-Mail

Eine Erzählung über Padaun
von Maria Kaesen
1960



Der blinde Herrgott

Wenn an klaren Tagen der Pfingstwind über den Padaunersattel weht, ist dieses von Trubel
und Lärm unberührte Stück ursprünglicher Bergwelt am allerschönsten. Niemals sonst ist die
Luft so würzig, so belebend, so leicht, wie um diese Jahreszeit. Niergends sonst erreichen
Frühlingsfarben solch einen satten Glanz. Krokus und Soldanellen blühen schon ab. Aber an
den Ufern schmaler Wiesenbächlein lachen safrangelbe Dotterblumen dem Sonnenlicht
entgegen, vergnügt, dass sie ohne Mühe die langsam hinwelkenden Himmelschlüssel
überdauern. Die Enzianmatten daneben öffnen ihre Kelche und versinken über Nacht beglückt
in eine tiefblaue Herrlichkeit sondersgleichen.
Von hoch droben her sprudelt zwischen knospenden Alpenrosen silberfunkelndes
Quellwasser zur alten Mühle herab, tänzelnd, spielend, - das Rad steht schon lange still.
Darüber ist es nicht traurig, denn es hat seine Schuldigkeit getan, solange es nötig war. Nun
haben sich Moose an seinen Schaufeln angesiedelt, kleine Käfer und Würmer. Zitronenfalter
lassen sich unbekümmert darauf nieder. Alles hat seine Richtigkeit.
Gemsen kommen vertrauend bis fast an die Behausungen heran, beschauen furchtlos den
einsamen Wanderer, erkennen, dass er kein Jäger ist und äsen ungestört weiter. Nichts
unterbricht die selige Eintracht.
Nichts?
Unwetter, die einmal, zweimal, mitunter sogar dreimal im Jahr die kargen Saaten vernichten, -
ist das nichts?
Stürme, Lawinen, Erdrutsche, - nichts?
Alles, was da droben geschieht zwischen Geburt und Tod, hält sich in tragbaren Grenzen.
Nichts artet aus, weder Wünsche noch Hoffnungen, weder Streit noch Neid, noch Unglück.
Es gibt nur einige Anwesen am Übergang von Vals nach Gries. Das älteste, angesehenste,
nachgewisenermaßen im 13. Jahrhundert erbaute, ist der Steckholzerhof. Länger als sechs mal
hundert Jahre ist er von der gleichen Sippe bewirtschaftet worden. Im ersten Weltkrieg sind
alle Steckholzersöhne gefallen, teils eingezogen, teils freiwillig gestellt aus trutzigem
Tirolergeist.
Alle Bitterkeit und alle Süße des Lebens hinterlässt seine Spuren in solch einem Ansitz, der
immer wieder vom Vater einem Sohn und zum Vater gewordenen Sohn abermals dem
Nächsten der Sippe vererbt worden ist.
Geht ein altes Geschlecht nach Erfüllung seiner Aufgaben zuende, fängt ein neues mutig und
voller Zuversicht an. Ein Mädel und sechs Buben wachsen jetzt beim Xander Wolf heran. Der
Hof, der ihnen Heimat geworden ist und Verpflichtung, heißt aber noch immer „beim
Steckholzer“, - so lebendig bleibt in der Einsamkeit das Gewesene.
Eine kleine Steigung südwestwärts weiter, am Kolb vorbei, dem Pacherhof gegenüber, steht
eine kleine Kapelle. Eine der beiden Gedenkstätten, die der Stolz und wohl auch in Folgen
von Heimsuchungen die Zuflucht der Padauner sind. An ihrer Stirnseite, fast die ganze Wand
ausfüllend hängt ein Gnadenbild, eine Madonna im Rosenkranz. Als vor langer Zeit der Blitz
in die Pfarrkirche von Gries einschlug und das Gotteshaus zur mächtig aufprasselnden Fackel
verwandelte, konnte es nahezu unversehrt geborgen werden. Wie, das weiß niemand mehr.
Auch, nicht genau auf welche Weise es herauf nach Padaun geholt worden ist. Manchmal,
wenn es Abend wird, kniet ein betender Greis davor, still und versonnen, die Zeit nicht
messend, die er dort verbringt. An Feiertagen können es Stunden sein. Selten stört den
Zweiundneunzigjährigen jemand. Er gewahrt kaum, dass eines seiner Urenkelkinder
Vergißmeinicht bringt. Oder Wiesenschaumkraut. Oder Wollblumen. Oder Alpenrosen. Oder
gegen den Hochsommer hin Brunellen, die dunkelsamtenen Blüten mit dem Totengeruch.
Nickt er den Kleinen zu, ist das schon viel. Ehe er in der herabsinkenden Dämmerung die
Kapelle verlässt, gleiten seine falligen Hände über eine an ihrer rückseite hängende Krücke
und seine welken Lippen murmeln:
„Vergeltsgott.“ Mit diesem Dank grüßt er seinen Ahn, den Pflerscher, der, von schwerer Gicht
gepeinigt, auf wunderbare Weise genesen, einst diese Andachtsstätte dem geretteten
Gnadenbild aus der niedergebrannten Pfarrkirche von Gries erbaut haben soll. Es darf nicht
heißen: erbaut haben soll. Es muß gelten: erbaut hat. Denn so ist es gewesen. Wie ließe sich
auch sonst das starke Verwachsensein von Hof und Kapelle erklären?
Balbine, die stattliche Jungbäuerin mit der blonden Haarkrone über dem schönen
Frauenantlitz, die freudige Mutter, die ihr fünftes Kind erwartet, geht nie vorbei, ohne die
Himmelskönigin mit einem Ave zu grüßen. Wenn sie, wie seit Generationen die
Jungbäuerinnen auf dem Hof, zu dem die Kapelle gehört, das tägliche Mittagläuten vollzieht,
horchen die Männer von Padaun, die es zurückholt von den Feldern, hin, schauen hinauf oder
hinüber zum bescheidenen Turm auf dem schlichten Heiligtum, aus dem das freundliche
Rufen klingt und fassen einen guten Gedanken. Einen versöhnlichen etwa, wo sich
hinterrücks eine Verstimmung eingeschlichen hat. Oder einen beschämten, ob falscher
Aussage und Meinung. Oder ganz einfach einen frommen, friedlichen ohne besondere
Ursache. Halt, halt! Das stimmt wiederum nicht. Haben wir nicht immer und überall einen
Grund zu danken, dass Gottes Geist die Welt so überaus schön gemacht hat.
Nur eine Viertelwegstunde weiter verliert, die Landschaft ihre heitere Lieblichkeit, wird
streng, schroff und gefährlich. Droht der Brennersee nicht dunkel herauf wie aus unmessbaren
Tiefen und nie erforschten Geheimnissen zwischen den Klüften, die ihn umranden? Schickt er
nicht Stimmen bergan wie Echo auf Schreie und Hilferufe, die niemand enträtseln kann? Ist
der Geist von … ein Trug? Eine Erfindung die weiße Frau mit dem schwarzen Gesicht und
ebensolchen Händen, eine lange Schleierschleppe hinter sich nachziehend? Wird dir halt ein
Mondsüchtiges Weibsbild begegnet sein, lachen die Spötter. Nein, es ist das Gespenst, das
immer vorhersagend erscheint, wenn Seuchen oder Kriege einfallen, entgegnen die
Furchtsamen. „Blödsinn! Narretei! Meinetwegen Mondsüchtigkeit oder Narreteien
erschreckter Gemüter! Aber da ein Marterl, dort ein Bildstöckl bestätigen die Gefährlichkeit
dieser Gegend. Habt ihr nahe der „hohen Bank“ übersehen, was in den Fels eingegraben ist?
„Allda ischt am 25. Juley 1792 der Bauernmann Andrä Halbeisen vun Oberberg vom gachen
Schauder packt in den Abgrund falln. Herr, gib ihm die ewige Ruh!“
Rühm dich nit des morgenden Tag,
weißt ja nit, was sich heund begeben mag!
Hilf Herr Jesu Christ, verbirg dich nit,
nach meinen Sündn richt mich nit!“
Wer möchte derlei Zeugschaft in den Bereich des Erfundenen zwingen?
Dort, wo die welligen Wiesen am südlichen Hang des Padaunersattels mit heftiger
Plötzlichkeit an jähe Abstürze herandrängen, steht die alte Kapelle zum blinden Herrgott.
Unter dem schindelgedeckten Dach, über der Eingangstüre, mahnt der Spruch:
Im schönen Tempel der Natur
Findest du des großen Gottes Spur,
Doch willst du ihn noch größer seh’n,
so bleib an seinem Kreuze steh’n
Gemeint sind die Kreuze, die Prozessionen vorangetragen werden. Die auf Kalvarienhügeln,
Berggipfeln, Herrgottswinkeln. Die in Friedhöfen, in Kirchen und Klosterzellen. Jene, die an
den goldenen Ketten geistlicher Würdenträger hängen, wie jene, mit denen die Rosenkränze
der Nonnen und Ordensbrüder beginnen und enden. Die Wegkreuze, die Sterbekreuze. Alle,
alle.
Hier aber ist es das Kruzifix, nach dem die Kapelle ihren Namen hat, das zum Verweilen
aufruft: am Marterholz ein Heiland mit erhobenem Haupt und weitgeöffneten Lidern über
bestürzend leeren Augen. Ein Blinder hat es einst geschnitzt, der sich, als die Nacht einbrach,
noch unterwegs befand, sich im Wald verirrte und endlich an dieser Stelle den Karrenweg
unter seinen Füßen spürte, der rettend nach Padaun führt.
Kann es die Macht des Glaubens allein sein, die Blinde sehend macht?
Zu beiden Seiten des Altares, über dem das Kreuz erhöht ist, hängen alte Stiche, die vierzehn
Schmerzensstationen, erschütternd nachempfunden. Darunter einfachste und kunstvollste
Votivtafeln, die Heilungen von schweren Augenleiden vermelden. Es sind Namen dabei, die
ringsum niemand mehr kennt. Sie, die Schrift, die Darstellungen und die Jahreszahlen sind
verblieben. Also muß das kleine Heiligtum zum blinden Herrgott in längst vergangenen
Gezeiten häufiger aufgesucht worden sein, lang, ehe es unwissende oder ehrfurchtslose
Gelegenheitswanderer für nötig hielten, ihre Nichtigkeiten mit Blei- oder Farbstiften an die
Wände zu kritzeln wie in ein Hüttenbuch, das nach Wein, Kartenspiel und Gesang schlafmüd
gewordenen Bergsteiger noch eine Weile ergötzt mit seinen Eintragungen.
Ein fahnenflüchtiger, über den Schmuggelsteig vom Brennersee heraufgekommener
Fremdenlegionär, so wird erzählt, habe einmal in Padaun nächtigen wollen. Menschen, die
einander nie betrügen, kennen das Misstrauen nicht. Ist einer auf Herbergsuche, wird er nicht
abgewiesen. Will er sich einen Sommer lang als Knecht verdingen, ist er willkommen. Nicht
aber einer, der beim Steckholzer zecht und zecht, schwätzt und prahlt, bis sein Kopf hitzig
wird, sein Maul wirre Reden führt und gröhlend Dinge verlästert, über die in Padaun niemand
spotten darf. Da wird solch ein wiederlicher Kraftprotz und Gottesleugner kurzerhand ins
freie befördert und davon gejagt, mag er bleiben, wo er will.
Wäre es christlicher, solch einen Aufwiegler und Brunnenvergifter gewähren zu lassen in der
Gemeinde?
Wem steht es zu, darüber zu urteilen?
Berichtet soll aber werden, was beim Steckholzer, beim Kolb, beim Bacher noch heute
bezeugt werden kann:
Viele Jahre nach jenem Abend, an dem sich der Fahnenflüchtige das Zutrauen der Padauner
verscherzt hatte, ging ein alter, abgezehrter Mann stockend über den Sattel, mühsam
auftretend, tastend, schwer atmend, niemanden ansprechend, von keinem erkannt, wie in sich
selber gesperrt, kaum um sich schauend, als sähe er trotzdem, was zu sehen er gekommen
war. Wo kam er her? Wo ging er hin?
An einem Pfingstabend, als Balbine Bacher mit Mann und Kindern zur Kapelle vom blinden
Herrgott hinüberwanderte, fanden sie den alten Mann, hingesunken am Altar, ein erlöstes
Lächeln um die erstarrten Lippen, zwischen seinen gefallenen Händen ein Briefblatt. Darauf
stand in zittriger Schrift: Ihr habt recht. Es gibt Euern Gott. Den einen und den dreifaltigen
Gott. Den Vater, der unser aller Vater ist, - den Sohn, der alle Schuld sühnte, und den
Heiligen Geist, der alles und alle in Liebe eint. Sagt es allen. Es gibt Euern Gott! Den
strafenden und wohl auch den barmherzigen. – Fast blind und sterbenskrank dankt Euch der
Fahnenflüchtige von ehedem.
Die Schatten in den Klüften des Sattelberges werden violett und lang. Drüben aber, gegen
Osten, hoch über dem jenseitigen Tal leuchtet das ewige Eis des Olperers im flammenden
Abendrot. Das heilige Schweigen der Ergriffenheit senkt sich über die Landschaft …